Augsburg, 01.03.2025 – Kina Yakimova ist 45, als sie beide Beine und den rechten Arm verliert. Wegen einer Blutvergiftung, die sie beinahe auch ihr Leben gekostet hätte. Eine Geschichte übers Weitermachen.

Kina Yakimova hat viel verloren, doch ihr Humor ist geblieben. Die Augsburgerin kommt zum Gespräch im farbenfrohen T-Shirt und einem dünnen Rock, es ist ein kalter Februartag. „Das ist der Vorteil, wenn man keine Beine mehr hat – man friert nicht mehr so schnell“, sagt sie zur Begrüßung und lacht. Kina Yakimova ist eine fröhliche, eine offene Frau. Eine, die allen Grund hätte zu klagen, sich aber nicht mal ein bisschen bedauert.
Es ist ein Samstag im Juli 2023, als es Kina Yakimova sehr plötzlich sehr schlecht geht. Tags zuvor hatte sie Fieber, Halsschmerzen, sie dachte an eine schwerere Erkältung, an eine Grippe vielleicht. Als sie am Morgen nicht aufstehen kann und blau anläuft, wählt ihr Mann den Notruf. Nur wenig später wird Kina Yakimova ins künstliche Koma versetzt. Da arbeitet ihre Niere schon nicht mehr, auch ihre Lunge droht zu versagen. Ihr Körper kämpft gegen eine Sepsis. Die Ärzte werden ihrem Mann an diesem Tag noch sagen: „Verabschieden Sie sich besser von ihrer Frau.“
Jedes Jahr sterben 85.000 Deutsche an einer Sepsis
Eine Sepsis, umgangssprachlich auch Blutvergiftung genannt, ist eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Jedes Jahr sind 230.000 Menschen von einer solchen Sepsis betroffen, mindestens 85.000 sterben daran, wie das Aktionsbündnis Patientensicherheit berichtet. Der Körper reagiert dabei auf eine schwere Infektion, die durch Viren, Bakterien, selten auch durch Pilze und Parasiten ausgelöst wird, und die dazu führt, dass Organe gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt funktionieren. Die meisten Sepsis-Patienten haben starke Schmerzen, Schüttelfrost, hohes Fieber und fühlen sich sehr krank. In jedem Fall herrscht schneller Handlungsbedarf. „Was für ein Glück, dass mein Mann zuhause war“, sagt Kina Yakimova. „Er hat mir das Leben gerettet.“
Als sie wieder aufwacht, hat sie beide Beine und einen Arm verloren
Es wird zwei Wochen dauern, bis die dreifache Mutter aus dem Koma aufwacht. Ohne Beine, ohne rechten Arm. Weil ihr Körper die ganze Energie in die Körpermitte ziehen musste, damit er überhaupt noch funktionieren konnte, wurden ihre Gliedmaßen nicht mehr durchblutet. Ohne Amputation hätte sie nicht überlebt. Kina Yakimova erfährt, dass sie eine Sepsis erlitten hat, verursacht durch eine Streptokokken-Infektion. „Ich war einfach nur dankbar, dass ich lebe“, erinnert sie sich.
Zehn Wochen verbringt die Augsburgerin in einer Spezialklinik für Amputationsmedizin, wird dort auf ihr neues Leben vorbereitet: körperlich und mental. Sie lernt, sich im Rollstuhl fortzubewegen, später auf Prothesen zu gehen, kommt in Austausch mit anderen Betroffenen, kämpft sich Stück für Stück zurück. Eine Ärztin sagt in dieser Zeit einen Satz, den Kina Yakimova nie vergessen wird: „Das Leben gehört Ihnen.“ Dieses Mantra begleitet sie fortan, lässt sie an besonders schweren Tagen weitermachen. Immer weiter.
Nach Sepsis: Kina Yakimova will wieder Golfspielen
Heute, sagt die Augsburgerin, sei sie „zu 50 Prozent ein anderer Mensch.“ Sie mache immer noch Dinge, die sie „davor“ gerne gemacht habe: Golfspielen zum Beispiel. „Aktuell klappen nur kurze Schläge, aber immerhin“, erzählt sie. Sie hofft, dass sie bald auch eine Prothese für ihren rechten Arm bekommt. „Dann geht sicher noch mehr.“ Die 47-Jährige lächelt jetzt, lächelt selbstsicher in die Welt, gestikuliert mit ihrem linken Arm.

Trotz der täglichen Herausforderungen, etwa beim Duschen, fühlt sich Kina Yakimova inzwischen in ihrem Alltag angekommen. Ihre beiden ältesten Kinder sind bereits erwachsen, studieren und arbeiten in ihrer Heimat Bulgarien. Ihre Jüngste, mittlerweile sechs Jahre alt, bringt Kina Yakimova in den Kindergarten, begleitet sie auf den Spielplatz, auch kleinere Einkäufe erledigen Mutter und Tochter gemeinsam. „Kochen ist erst mal eine Herausforderung, wenn einem als Rechtshänderin plötzlich der rechte Arm fehlt“, sagt die 47-Jährige. Dann fügt sie schnell hinzu: „Ich frage mich aber nicht, ob ich eine Zwiebel schneiden kann, sondern wie.“ Auch nach dem „Warum?“ fragt sie nicht, niemals. „Wieso ausgerechnet mir das alles passiert ist? Diese Frage hätte mich nur zermürbt“, sagt Kina Yakimova.
Diese Lebenseinstellung, diesen Kampfgeist, will die Augsburgerin, die zuletzt in einem Golfgeschäft gearbeitet hat, auch anderen weitergeben. Seit ein paar Monaten hält sie Vorträge, um andere zu inspirieren und zu motivieren. Zu einer Veranstaltung im Zeughaus waren vor wenigen Wochen rund 60 Zuhörerinnen und Zuhörer gekommen. Kina Yakimova will zeigen, dass es immer weitergeht. Vielleicht anders, als man sich das einmal vorgestellt hat. Aber es geht.
Quelle: Artikel der Augsburger Allgemeinen vom 01.03.2025 von Daniela de Haen